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9501


informationszentrum, collserola barcelona

Informationszentrum Collserola 9501

Das Informationszentrum für den Naturpark Collserola versteht sich nicht als Objekt in der Landschaft, sondern als tektonische Einschreibung in den Gebirgskörper oberhalb von Sant Just Desvern. Der Entwurf entwickelt seine architektonische Logik aus dem Schnitt: Das Raumprogramm gräbt sich in die Topografie ein, besetzt die Geländekante und organisiert sich als dreigeschossige, in den Boden eingeschriebene Museumstypologie. Architektur wird hier nicht additiv auf das Terrain gesetzt, sondern aus ihm heraus präzisiert. Der Bau erscheint nicht als volumetrische Setzung, sondern als kontrollierte Freilegung eines inneren, landschaftlich gebundenen Raumsystems.

Die Typologie des Hauses ist eine hybride aus Infrastruktur, Landschaftsbau und Museum. Die Geschosse staffeln sich entlang des Höhenverlaufs und erzeugen eine räumliche Sequenz aus Einschnitt, Passage, Plattform und Untergrund. Die Ausstellung über Mikrofauna und Flora der Region ist nicht neutral in Räume eingestellt, sondern in eine choreografierte Tiefenbewegung eingebunden: Der Besucher durchläuft das Ökosystem als vertikale und horizontale Schichtung des Terrains.

Die Architektur übersetzt damit die Logik des Naturraums – Sediment, Durchwurzelung, Mikroklima, Lichtgradient, Feuchtigkeit, Verschattung – in eine räumliche Dramaturgie. Nicht Repräsentation steht im Vordergrund, sondern Immersion in die spezifischen Bedingungen des Ortes.

Prägendes Element ist die große, schwebend gelagerte Dachfläche. Sie ist weniger Dach im konventionellen Sinn als ein künstlicher Horizont, eine technisch hochgerüstete Landschaftsebene, die sich von der eingegrabenen Architektur ablöst. Diese auskragende Photovoltaik-Konstruktion überspannt den Bau wie ein eigenständiges Energiefeld, verschattet die darunterliegenden Fassaden und Außenräume und formuliert zugleich die primäre tektonische Geste des Projekts. Ihre Leichtigkeit kontrastiert mit der Massivität des in den Hang eingeschnittenen Baukörpers. Aus dem Zusammenspiel von schwerem Erdverbund und leichter, nahezu schwebender Energieebene entsteht die eigentliche räumliche Spannung des Entwurfs.

Unterhalb dieser solaren Ebene bleibt der Bau bewusst zurückgenommen. Die Architektur sucht nicht die ikonische Sichtbarkeit, sondern die präzise Einbindung in den Genius loci. Nur wenige Bauteile treten oberirdisch in Erscheinung: die Dachkante, einzelne Wand- und Erschließungselemente, sowie ein sekundäres Volumen, das wie ein landschaftlich angelagerter Solitär die Gesamtfigur ergänzt. Der Hauptteil des Raumprogramms verbleibt im Schatten des Geländes. Dadurch bleibt die Präsenz des Hauses aus der Distanz reduziert; es ist weniger Gebäude als topografische Transformation.

Konstruktiv basiert das Projekt auf der Lesbarkeit seiner Lastabtragung. Die große Dachplatte wird über eine filigrane Tragstruktur aus geneigten und vertikalen Stützen, Fachwerk- und Rahmenelementen gefasst. Diese Konstruktion vermittelt zwischen Gelände, Hülle und Energiegewinnung. Die darunterliegenden eingegrabenen Bauteile arbeiten hingegen mit der Logik des massiven Erdbaus: Speichermasse, thermische Trägheit, Rückbindung an den Hang. Die Architektur formuliert damit zwei komplementäre Systeme – ein schweres, geerdetes, temperierendes Sockelgefüge und eine leichte, sammelnde, klimatisch aktive Überdeckung.

Das Energiekonzept ist konsequent als Plusenergie- und Autarkiestrategie entwickelt. Die Photovoltaikfläche erzeugt nicht nur Energie, sie ist integraler Bestandteil der architektonischen Ordnung. In Verbindung mit der im Erdreich liegenden Speichermasse, geothermischer Anbindung und natürlicher Luftzirkulation entsteht ein Gebäude, das seine klimatische Leistungsfähigkeit aus dem Ort selbst bezieht.

Die Einbindung in den Boden stabilisiert die Temperaturen ganzjährig; im Sommer ermöglicht die thermische Trägheit des Erdreichs eine passive Kühlung, im Winter wirkt die gespeicherte Erdwärme temperierend. Über kontrollierte Luftführungen und natürliche Zirkulation wird diese Grundtemperierung verstärkt. Technik erscheint dabei nicht als aufgesetztes System, sondern als Fortsetzung der landschaftlichen Bedingungen mit architektonischen Mitteln.

Das Haus formuliert damit eine Haltung, in der Ökologie nicht als additiver Nachhaltigkeitsdiskurs, sondern als räumliche und konstruktive Grundfigur begriffen wird. Die Energiegewinnung liegt sichtbar in der großen Dachlandschaft, die energetische Stabilisierung unsichtbar im Erdverbund. Zwischen beiden Polen entfaltet sich eine Architektur, die den Naturpark nicht illustriert, sondern seine Funktionsweisen räumlich lesbar macht.

Der Entwurf ist so zugleich Museum, Klimaapparat und Landschaftsschnitt. Er macht den verborgenen Reichtum der Collserola – ihre Mikrofauna, ihre Vegetationsschichten, ihre thermischen und topografischen Bedingungen – nicht über Gesten, sondern über Einbindung, Schichtung und atmosphärische Präzision erfahrbar. Seine Qualität liegt gerade darin, dass er nicht dominieren will. Er bleibt eingebunden, nahezu beiläufig, und gewinnt aus dieser Zurücknahme seine architektonische Stärke.

 

projekt: 9501
grösse: 463 m2 (bkf, gebäude), 450 m2 (aussenanlagen)
grundfläche: 385 m2
kunde: collserola
ort: collserola barcelona, katalonien
typ: neubau informationszentrum
team (gebäude): jle
team (aussenanlagen): jle