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9607


informationszentrum gedenkstaette buchenwald, deutschland

gedenkstaette buchenwald

konzept ist eine räumliche wie auch inhaltliche heranführung an die komplexe geschichte und die zukunft der gedenkstätte buchenwald.

beim durchlaufen des dokumentations- und informationszentrums nähert sich der besucher dem komplex durch ein weites forum, eine plaza für veranstaltungen.

der bereich der dokumentation ist in form eines unterirdischen riegels als eingegrabener museumsbau ausgebildet.

nur durch überkopfbelichtung mittels begehbarer, strahlenförmiger glaskuppeln im rasen ablesbar. chronologisch durchschreitet man so die fast 35 jährige historie der vielschichtigen vergangenheit.

an deren endpunkten sind jeweils kino, bibliothek und konzertsaal organisiert. gegenwart und zukunft sind oberhalb der rasenfläche, oberirdisch gestaltet. dies setzt sich konzeptionell in der vertikalen, materialisierung des entwurfes fort.

sind die dokumentativen inhalte, räumlich ausschliesslich unter der erde organisiert, so reichen die begegnungsstätten, bibliothek, konzertsaal, kino, hotel, studienklausen und lehrräume deutlich aus dem hanggelände heraus.

der reflexion und begegnungsstätte wird eine plattform transparenten raumes, komplett aus glas geschaffen, transluzent und weithin sichtbar.

licht und beleuchtung als metaphorisches gestaltungsmittel.

 

Projektbeschreibung

Der Entwurf für ein Informationszentrum der Gedenkstätte Buchenwald erscheint nicht als autonomer Solitär, sondern als landschaftlich eingebundene Raumfigur, die den historischen Ort über Setzung, Spur und Sequenz lesbar macht. Prägend ist eine lineare Erschließungsachse, die als räumliches Rückgrat fungiert: Sie organisiert die Annäherung, staffelt die Wahrnehmung und führt den Besucher in einer prozessionsartigen Raumfolge durch mehrere Gebäudeteile. Der Weg ist dabei nicht bloß Zirkulation, sondern selbst architektonisches Motiv – ein räumliches Kontinuum, in dem Bewegung, Erinnerung und Erkenntnis untrennbar miteinander verschränkt sind.

Ausgangspunkt des Entwurfs ist die Einsicht, dass die Geschichte Buchenwalds nur durch eine pluralistische, multiperspektivische und räumlich differenzierte Aufarbeitung angemessen vermittelt werden kann. Das Zentrum versteht sich daher nicht allein als Ausstellungsgebäude, sondern als hybride Typologie aus Dokumentationsort, Forschungsstätte, Begegnungsraum und Lernlandschaft. Sein Anspruch ist es, historische Gewalt nicht nur zu archivieren, sondern sie räumlich zu vergegenwärtigen, Bewusstsein zu schärfen und eine Plattform zu schaffen, die Trauer, Reflexion, Versöhnung, Austausch und Forschung gleichermaßen ermöglicht. Architektur wird hier nicht als repräsentatives Objekt verstanden, sondern als Medium der Verortung, das Erinnerung strukturiert, historische Schichten lesbar macht und gesellschaftliche Verantwortung räumlich verankert.

Die Komplexität der Aufgabenstellung liegt in der vielschichtigen historischen Überformung des Ortes. Buchenwald war von 1937 bis 1945 Konzentrationslager; von 1945 bis 1950 befand sich dort das Sowjetische Speziallager Nr. 2. Die spätere Gedenkstätte bildet eine weitere historische Schicht des Areals. Hinzu kommt der Bereich oberhalb des eigentlichen Lagergeländes, in dem sich mehrere SS-Kasernengebäude befanden. Gemeinsam mit dem Carachoweg, der historischen Verbindung zwischen Kommandanturbereich und Lagertor, bildet dieser Ort den chronologischen, topographischen und historischen Quellpunkt des Projekts. Von hier aus entwickelt der Entwurf seine räumliche Logik: nicht als Überformung des Geländes, sondern als präzise Einschreibung in dessen bereits vorhandene historische Matrix.

Das Raumprogramm reagiert auf diese Schichtung mit einer bewussten Verschränkung von Dokumentation, öffentlicher Debatte, wissenschaftlicher Arbeit und temporärem Aufenthalt. Vorgesehen sind Ausstellungsbereiche, Veranstaltungsräume für Konzert, Film und Video, ein Forum, Bibliothek und Studienräume, Klausur- und Arbeitsräume, Übernachtungsbereiche mit Jugendherbergsfunktion, Verwaltungseinrichtungen sowie Restauration. Der Entwurf bildet damit eine programmatische Zwischenform aus Museum, Forschungszentrum, Bildungsstätte und Ort ziviler Begegnung.

Die räumliche Grundfigur folgt einer topographischen Grammatik. Ausgangspunkt ist ein Forum, das als freier Platz für Veranstaltungen unter offenem Himmel ausgebildet ist. Es fungiert als Schwellenraum zwischen Landschaft, Gedenkort und Institution – offen, ungerichtet, kollektiv bespielbar. Von dort aus wird der Besucher in eine unterirdische, der Geländemorphologie folgende lineare Ausstellungssequenz geführt. Diese in das Terrain eingeschnittene Raumfigur bildet das dokumentarische Rückgrat der Anlage. Die Ausstellung ist nicht als additive Folge neutraler Säle konzipiert, sondern als in den Hang eingeschriebene räumliche Choreographie, in der Verdichtung und Aufweitung, Führung und Unterbrechung, Enge und Ausblick die Dramaturgie der Erfahrung bestimmen.

An den Kopfseiten dieser linearen Ausstellung lagern sich weitere Baukörper an. Einerseits entwickeln sich eingegrabene und zugleich aus dem Gelände hervortretende Volumen, die für Konzert-, Film- und Videodarbietungen vorgesehen sind. Andererseits erstreckt sich am entgegengesetzten Ende, ebenfalls linear und dem topographischen Verlauf folgend, die Bibliothek, die sowohl in das Erdreich eingebunden als auch oberirdisch zugänglich und sichtbar ausgebildet ist. Entlang dieses Geländeverlaufs folgen die Bereiche für Übernachtung, Restauration und Verwaltung, die gleichsam aus der Landschaft herauswachsen und sich in ihrer Ausrichtung auf den bestehenden Museumsstandort beziehen.

Die Baukörper wirken als reduzierte, tektonisch abstrahierte Volumen. Ihre Sprache ist zurückgenommen, beinahe asketisch, und vermeidet jede expressive Monumentalität. Auffällig ist der Kontrast zwischen hellen, teils transluzent wirkenden Körpern und einem Feld aus punktförmigen Setzungen, Markierungen und linearen Einschnitten, die wie eine palimpsestartige Einschreibung ehemaliger Ordnungen gelesen werden können. Dadurch entsteht kein geschlossenes Haus im klassischen Sinn, sondern ein Ensemble aus Baukörper, Geländezeichnung und Erinnerungsfeld. Die Architektur behauptet sich nicht als singuläres Objekt, sondern als präzise gesetzte Folge räumlicher Interventionen innerhalb eines historisch hoch aufgeladenen Terrains.

Der eigentliche konzeptionelle Schwerpunkt liegt in der räumlich-symbolischen Zuordnung des Raumprogramms. Alle dokumentierenden, historischen und archivierenden Inhalte sind dem Erdreich zugeordnet. Sie erscheinen als subtraktive, in den Hang eingeschriebene Räume, als sedimentierte Schichten der Geschichte, als in der Topographie abgelagerte Archive. Demgegenüber sind alle gegenwartsbezogenen, kommunikativen und zukunftsgerichteten Nutzungen – Forum, Begegnung, Veranstaltung, Aufenthalt und Austausch – als oberirdisch sichtbare Volumenformuliert. Aus dieser Gegenüberstellung entsteht ein bewusst gesetzter architektonischer Dualismus: Das historische Narrativ der Gewalt bleibt eingegraben, dokumentiert und forschend erschlossen; die Auseinandersetzung in der Gegenwart, die Völkerverständigung, das Lernen und das aktive gesellschaftliche Leben treten sichtbar, transparent und öffentlich wirksam hervor.

Die oberirdischen Volumen sind in einer hochtransparenten Materialität gedacht. Tagsüber erlauben sie wechselseitige Blickbeziehungen zwischen Innenraum, Landschaft und Gedenkstätte; nachts treten sie als laternenartige Körper in Erscheinung. Ihr Leuchten ist nicht Effekt, sondern Aussage: Die aktive Auseinandersetzung mit der Geschichte bleibt im öffentlichen Raum präsent, weithin sichtbar und der Verdrängung entzogen. Die Architektur formuliert damit ein gebautes Bekenntnis gegen das Vergessen. Sie setzt dem in das Erdreich eingeschriebenen Dokument eine oberirdische, lichte und kommunikative Gegenfigur entgegen.

Besondere Bedeutung kommt den begehbaren Oberlichtern zu, die die unterirdischen Ausstellungsräume natürlich belichten. Sie sind zugleich funktionale und semantische Elemente: tagsüber Lichtfänger und Orientierungsmarken, nachts mahnende Einschnitte im Gelände, die wie grabartige Zeichen im Rasen aufscheinen. Der Entwurf operiert hier mit einer präzisen Dialektik von Abwesenheit und Präsenz, von Leere und Einschreibung, von Terrain und Tektonik. Architektur wird nicht illustrativ oder didaktisch überformt, sondern arbeitet mit Schnitt, Spur, Schichtung, Freilegung und räumlicher Verdichtung.

In diesem Sinne lässt sich das Projekt als eine Form von Terratektur beschreiben: als Architektur, die sich weniger über Objektgestalt als über die Transformation des Geländes in einen lesbaren Erinnerungsraum definiert. Die Topographie wird nicht nur Träger des Bauens, sondern selbst zum Medium der Bedeutung. Der Entwurf vermittelt zwischen den unterschiedlichen Nutzungs- und Erinnerungsschichten des Ortes – dokumentarisch in weiten Teilen unterirdisch, gegenwärtig und gesellschaftlich wirksam in seinen oberirdischen Volumen. Er übersetzt historische Schwere nicht in Pathos, sondern in räumliche Zurückhaltung, präzise Setzung und topographische Disziplin.

Zugleich bleibt der Ort in seiner landschaftlichen Offenheit erfahrbar. Dem Besucher soll die Möglichkeit gegeben werden, das Zentrum nicht allein als Institution, sondern auch als begehbare Wiese und Erfahrungsraum zu nutzen: verweilend, schreitend, hörend, sprechend und lesend. Der Entwurf setzt damit auf eine Architektur der demütigen Zugänglichkeit. Er errichtet keinen abgeschlossenen Erinnerungsapparat, sondern eine offene Plattform des Gedenkens, Lernens und Lehrens, die Forschung ermöglicht, individuelle Aneignung zulässt und kollektive Verständigung fördert. Der Ort soll nicht konsumiert, sondern begangen, begriffen und leiblich erfahren werden.

Nach den dem Projekt zugrunde liegenden Unterlagen wurde der Entwurf 1996 von einem Gremium der Gedenkstättenverwaltung ausgewählt. Realisiert wurde er jedoch nicht. Ein zentrales, alle in diesem Entwurf vorgesehenen Funktionen bündelndes Informationszentrum ist bis heute nicht entstanden. Gerade darin liegt rückblickend die ungebrochene Aktualität des Projekts: Es formuliert nicht nur ein Raumprogramm, sondern eine Haltung – die Vorstellung, dass Architektur an einem Ort wie Buchenwald weder bloß Hülle noch Symbol sein darf, sondern eine räumliche Praxis des Erinnerns, die Dokumentation, Forschung, Öffentlichkeit und Gegenwart in ein präzises Verhältnis setzt.

So versteht sich der Entwurf letztlich als architektonischer Beitrag zur Aufgabe, Geschichte nicht allein zu bewahren, sondern sie im öffentlichen Bewusstsein dauerhaft präsent zu halten. Er formuliert das Versprechen, einen Ort zu schaffen, an dem Erinnerung, Erkenntnis und Verantwortung zusammengeführt werden: eine Architektur, die die Vergangenheit dokumentiert, die Gegenwart aktiviert und dadurch dazu beiträgt, die Wiederholung von Gewalt zu verhindern.

projekt: 9607
grösse: 1.400 m2 (bkf, gebäude), 1.700 m2 (aussenanlagen)
grundfläche:
kunde: i.a. fh kaiserslautern, verwaltung gedenkstaette konzentrationslager buchenwald
ort: buchenwald, weimar, deutschland
typ: neubau museum, informationszentrum gedenkstätte
team (gebäude): jle
team (aussenanlagen): jle
verantwortliche architekten: jle