umbau erweiterung chalet portocolom, mallorca
In erster Meereslinie von Portocolom steht ein Haus, das den Geist seiner Zeit noch deutlich in sich trägt: ein Chalet aus dem Jahr 1965, geprägt von klaren, kubischen Volumen, weiß gekalkten Flächen und jener selbstverständlichen Beziehung zum Außenraum, die man an der mallorquinischen Küste so sehr schätzt. Gleichzeitig waren die Qualitäten des Bestands über Jahrzehnte durch nachträgliche Einbauten, kleinteilige Raumfolgen und eine statische Grundstruktur begrenzt, die eine zeitgemäße Nutzung nur eingeschränkt zuließ. Projekt 0201 war daher von Anfang an mehr als eine Modernisierung: Es ging um eine präzise architektonische Transformation – um die Frage, wie aus einem dreigeschossigen Bestandsbau ein offenes, lichtdurchflutetes Haus werden kann, das den Meerblick nicht nur „hat“, sondern ihn räumlich inszeniert.
Als architektonischer Grundsatz war früh klar, dass der ursprüngliche Charakter der Fassade nicht überformt, sondern absichtlich so weit wie möglich erhalten bleiben sollte. Das Projekt versteht Umbau nicht als Bruch, sondern als Weiterbauen im Bestand – mit Respekt vor der vorhandenen Typologie, den Proportionen, der Massivität der weiß verputzten Volumen und der besonderen Silhouette des Hauses. Gerade in Küstennähe ist diese Haltung entscheidend: Der Ort verlangt Robustheit und Klarheit, nicht gestalterische Beliebigkeit.
Hinzu kommt, dass das Gebäude Teil eines bestehenden Kontextes ist: als Bestandteil eines gewachsenen Ensembles im Sinne einer Aldea Ibicenca, deren architektonische Identität aus einem gemeinsamen Vokabular besteht – ruhige Kubaturen, reduzierte Materialität, plastische Modellierung, ein Spiel aus mediterranem Licht und Schatten sowie eine zurückhaltende Tektonik der Öffnungen. Diese Einbindung war federführend in der Entwurfsarbeit. Deshalb wurde die Planung bewusst stilistisch konservierend umgesetzt: nicht als nostalgische Reproduktion, sondern als klare Entscheidung, die Ensemblewirkung zu schützen und gestalterische Kontinuität zu bewahren. Neue Eingriffe wurden so integriert, dass sie nicht als Fremdkörper wirken, sondern als selbstverständlich wirkende Weiterentwicklung innerhalb der vorhandenen Ordnung.
Die konsequente Folgerung daraus: Die eigentliche Transformation findet primär im Inneren statt, dort, wo Wohnqualität, Raumkontinuität und heutige Nutzungsanforderungen liegen. Außen bleibt die Haltung bewusst ruhig – innen hingegen wird das Haus strukturell und räumlich neu gedacht.
Im Zentrum des Umbaus stand eine konstruktive Entscheidung, die den gesamten Charakter des Hauses neu definiert. Im Bestand gab es eine einzige tragende Innenwand, die als statisches Rückgrat des dreigeschossigen Chalets fungierte – und zugleich jede offene, zusammenhängende Raumfigur verhinderte. Um diese Einschränkung zu überwinden, wurde eine neue Stahlkonstruktion integriert: zwei Träger und zwei Stützen übernehmen seitdem die Lastabtragung und ermöglichen es, die ehemals tragende Innenwand entfallen zu lassen.
Dieser Eingriff ist technisch präzise und architektonisch wirkungsvoll: Die schwarzen Stahlprofile treten bewusst als neue Struktur in Erscheinung, sie erzählen von der Transformation und geben dem Innenraum eine klare Ordnung. Gleichzeitig schaffen sie das, was gesucht war: eine großzügige, zusammenhängende Raumzone, die Wohnen, Essen und Kochen zu einem offenen Ganzen verbindet.
Die neue Organisation im Hauptgeschoss folgt dem Prinzip „Raum statt Zimmer“. Der Wohnbereich öffnet sich zum Essplatz und weiter zur Küche; Blickachsen greifen ineinander, Tageslicht wandert über die Flächen, und die Grenzen zwischen den Funktionen werden bewusst weich. So entsteht Großzügigkeit nicht durch bloße Fläche, sondern durch räumliche Kontinuität: ein zusammenhängendes Volumen, flexibel nutzbar, kommunikationsstark und mit einem Maß an Weite, das dem besonderen Ort entspricht.
Fensteröffnungen und Übergänge wurden dabei nicht nur als „Lichtquellen“ verstanden, sondern als Teil der Raumkomposition: Der Blick nach draußen ist nie dekorativ, sondern integraler Bestandteil des Wohnerlebnisses. Portocolom – das horizontale Band des Wassers, die klare Luft, das mediterrane Licht – wird zum ständigen Gegenüber.
Ein weiteres zentrales Element ist die auskragende Stahltreppe. Sie verbindet die Ebenen nicht als Nebensache, sondern als räumliches Ereignis. Die Konstruktion wirkt leicht und präzise: Stahl als tragendes Rückgrat, warmes Holz als Trittfläche, eine klare Linienführung ohne Überladung. Dadurch entsteht ein spannungsreicher Dialog zwischen robustem Bestand und neuer, filigraner Intervention. Die Treppe macht den Vertikalraum erlebbar – und sie setzt ein Statement: Umbau heißt nicht, Geschichte zu kaschieren, sondern sie weiterzuschreiben.
Die Innenräume folgen einer ruhigen, reduzierten Materialpalette, die das Licht trägt und den Blick nicht ablenkt. Helle Flächen, zurückhaltende Bodenmaterialien und die bewusst sichtbare Stahlstruktur erzeugen eine Atmosphäre, die gleichzeitig mediterran und präzise wirkt. Möbel, Einbauten und Details ordnen sich dem Raum unter – nicht im Sinne von strenger Askese, sondern als bewusste Entscheidung für Klarheit und Dauerhaftigkeit.
Neben der räumlichen Neuorganisation war die Sanierung ein konsequenter Schritt, um den Bestand baulich und funktional zu ertüchtigen. Projekt 0201 verbindet daher Umbau, Modernisierung und Erweiterung zu einem Gesamtbild: ein Haus, das seine Herkunft nicht verleugnet, aber heutigen Anforderungen an Komfort, Nutzung und Alltagstauglichkeit gerecht wird. Gerade in erster Meereslinie ist diese Balance entscheidend: Der Ort stellt besondere Anforderungen – an Robustheit, an Details, an die Art, wie man Innen und Außen verbindet. Unsere Planung reagiert darauf mit einer klaren Haltung: langlebig, präzise, und ohne gestalterische Effekte, die sich nicht aus dem Kontext ableiten.
Projekt 0201 zeigt, wie eine starke Bestandsarchitektur durch wenige, gezielte Eingriffe zu neuer Qualität geführt werden kann. Die statische Neuordnung mit zwei Trägern und zwei Stützen ist dabei nicht nur ein technischer Kunstgriff, sondern der Hebel für das neue Wohnerlebnis: offene Räume, fließende Übergänge, klare Struktur – und eine Atmosphäre, die dem mediterranen Licht Raum gibt.
Nach außen bleibt das Haus Teil der Aldea Ibicenca: Die Fassadenhaltung ist bewusst konservierend, die Ensemblewirkung geschützt, die architektonische Identität bewahrt. Nach innen hingegen entsteht ein zeitgemäßes, großzügiges Wohnen – mit einer offenen Wohn-, Ess- und Kochzone, einer skulpturalen Stahltreppe als vertikalem Raumanker und einer klaren, robusten Materialität. So wird aus dem Chalet von 1965 ein Haus, das Portocolom nicht nur als Aussicht nutzt, sondern als räumliche Idee übersetzt: respektvoll gegenüber dem Bestand, konsequent in der Konstruktion und offen für das Leben – mit dem Meer als ständigem Gegenüber.
projekt: 0102
grösse: 105 m2
grundfläche: 55 m2
kunde: vertraulich
ort: portocolom, felanitx mallorca
typ: einfamilienhaus
team (gebäude): jle
team (innen): jle
verantwortliche architekten: jle